
Wer sich mit dem Thema Kredite beschäftigt, stößt früher oder später auf den Begriff der „privaten Finanzierung“. Oft wird dieser Begriff als Synonym für „Kredit ohne Bank“ verwendet, doch dahinter steckt viel mehr. Es ist ein eigener kosmos mit rechtlichen Besonderheiten, spezifischen Verträgen und Mechanismen, die sich deutlich vom klassischen Bankgeschäft unterscheiden.
Dieser Ratgeber dient als das Fundament Ihres Wissens. Wir tauchen tief in die Materie ein und erklären Ihnen nicht nur, wo Sie Geld bekommen, sondern wie das System im Hintergrund rechtlich und finanziell funktioniert. Nur wer die Grundlagen versteht, kann auf Augenhöhe verhandeln und teure Fehler vermeiden.
Hinweis: Dieser Artikel erklärt die theoretischen und rechtlichen Grundlagen. Für eine Liste geprüfter Anbieter besuchen Sie bitte unseren Sicherheits-Guide:Seriöse Plattformen für private Geldgeber: Kriterien, Erkennung & Marktüberblick
Was ist private Finanzierung rechtlich gesehen?
Im deutschen Recht (Bürgerliches Gesetzbuch – BGB) ist ein Darlehen in § 488 geregelt. Das Gesetz unterscheidet dabei nicht zwingend, ob der Geldgeber eine Bank oder eine Privatperson ist.
Eine private Finanzierung liegt vor, wenn das Kapital nicht aus der Bilanzsumme einer Bank (Giralgeldschöpfung), sondern aus dem vorhandenen Vermögen von privaten oder institutionellen Anlegern (Investoren) stammt.
Der Unterschied zum Bankdarlehen
- Bankdarlehen: Die Bank unterliegt strengen Eigenkapitalvorschriften (Basel III) und vergabe-Richtlinien.
- Privatdarlehen: Hier gilt Vertragsfreiheit. Solange der Vertrag nicht sittenwidrig ist (Wucherzinsen), können Kreditgeber und Kreditnehmer Konditionen wie Laufzeit, Rückzahlung und Sicherheiten viel freier vereinbaren.
Die Funktionsweise von P2P-Plattformen (Peer-to-Peer)
Die modernste Form der privaten Finanzierung läuft über Online-Plattformen. Doch was passiert im Hintergrund?
Das Pooling: Ihr Kreditwunsch (z.B. 5.000 €) wird nicht von einer einzigen Person finanziert. Stattdessen geben oft 50 oder 100 verschiedene Anleger jeweils kleine Beträge (z.B. 50 €).
Die Treuhänder-Funktion: Die Plattform sammelt dieses Geld ein und leitet es an Sie weiter.
Das Ausfallrisiko: Das Risiko liegt nicht bei der Plattform, sondern bei den Anlegern. Deshalb sind die Zinsen oft höher – die Anleger lassen sich das Risiko bezahlen.
Details zum Vergleich finden Sie hier: Vergleich: Bankkredit vs. Privatkredit von privaten Geldgebern – Was lohnt sich wann?
Zinsen und Bonität: Warum ist es teurer?
Ein Grundprinzip der Finanzwelt lautet: Rendite korreliert mit Risiko.
Bei einer klassischen Bankfinanzierung gilt der Kreditnehmer meist als sehr sicher (fester Job, saubere Schufa). Bei der privaten Finanzierung finden sich oft Kreditnehmer, die von Banken abgelehnt wurden.
Der „Score-Wert“: Auch private Geldgeber nutzen Scorings. Je schlechter Ihre Bonität, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Kredit nicht zurückzahlen können.
Der Risikoaufschlag: Um dieses Risiko auszugleichen, verlangen private Geldgeber höhere Zinsen. Ein Zinssatz von 8% bis 15% ist im P2P-Bereich keine Seltenheit und durchaus seriös, während Banken vielleicht 4-7% verlangen.
Sicherheiten: Wie sichern sich private Geldgeber ab?
Da private Geldgeber oft kein Gehaltspfändungsrecht wie Banken sofort durchsetzen können, nutzen sie andere Mechanismen:
- Restschuldversicherung: Oft wird der Abschluss einer Versicherung empfohlen, die bei Arbeitslosigkeit oder Tod einspringt.
- Bürgen: Ein zweiter Kreditnehmer mit besserer Bonität kann die Zinsen massiv senken.
- Eigentumsvorbehalt: Bei Autokrediten bleibt der Fahrzeugbrief oft bis zur Tilgung beim Geldgeber (bzw. der Treuhandbank).
Der Privatdarlehensvertrag: Worauf Sie achten müssen
Egal ob über eine Plattform oder von einem Bekannten: Ein mündlicher Vertrag ist zwar gültig, aber im Streitfall wertlos. Ein professioneller Privatdarlehensvertrag muss mindestens enthalten:
- Exakte Kreditsumme und Auszahlungsdatum.
- Höhe der Zinsen (Nominal und Effektiv).
- Rückzahlungsmodalitäten (Ratenhöhe, Fälligkeit).
- Kündigungsrechte und Verzugszinsen.
Ein „lucker Vertrag“ auf einem Bierdeckel kann Sie später in große Schwierigkeiten bringen, etwa wenn das Finanzamt das Darlehen als Schenkung interpretiert.
Häufige Fragen (FAQ) zur privaten Finanzierung
Hier beantworten wir die 5 wichtigsten Fragen, die uns immer wieder erreichen.
Muss ich ein Privatdarlehen beim Finanzamt angeben?
Als Kreditnehmer in der Regel nicht, da Schulden kein Einkommen sind. Als Geldgeber jedoch müssen Sie die erhaltenen Zinsen als Kapitalerträge versteuern (Abgeltungssteuer). Wenn Sie Geld von der Familie leihen, sollte der Vertrag „fremdüblich“ sein, damit das Finanzamt es nicht als steuerpflichtige Schenkung wertet.
Kann ich einen privaten Kredit jederzeit vorzeitig zurückzahlen?
Das hängt vom Vertrag ab. Bei Bankkrediten ist die Vorfälligkeitsentschädigung gesetzlich gedeckelt (max. 1%). Bei privaten Verträgen herrscht Vertragsfreiheit. Seriöse P2P-Plattformen erlauben jedoch meistens kostenlose Sondertilgungen. Prüfen Sie das Kleingedruckte!
Was passiert, wenn ich eine Rate an den privaten Geldgeber nicht zahlen kann?
Bei P2P-Plattformen greift sofort ein automatisiertes Mahnwesen, oft gefolgt von einem Inkassobüro. Da hier keine „Bankbeziehung“ besteht, wird oft schneller vollstreckt als bei der Hausbank. Kontaktieren Sie den Anbieter immer bevor die Rate platzt.
Ist ein privater Kredit ohne Schufa-Eintrag möglich?
Jein. Wenn Sie über offizielle P2P-Plattformen gehen, wird der Kredit fast immer in der Schufa vermerkt (als Merkmal „Kredit“). Wenn Sie Geld von Freunden oder Familie leihen („echtes“ Privatdarlehen), taucht dies natürlich nicht in der Schufa auf.
Gibt es eine Obergrenze für private Kredite?
Rechtlich nein. Aber in der Praxis haben Plattformen Limits. Für Neukunden enden die Summen oft bei 25.000 € oder 50.000 €. Millionenkredite werden über Standard-Plattformen selten vergeben, da das Risiko für die Crowd zu hoch wäre.

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